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Direkt ins Gesicht gesagt, verunsichert mich dieser Satz sofort. Ich fühle mich peinlich berührt bis ich begreife, dass „meinen Schweiß riechen können“ nichts mit „Du stinkst“ zu tun hat, sondern vielmehr damit, wie Andy HOLZER mich liest. Transpiration als Richtmesser des Gegenübers sozusagen. „Ich rieche am Schweiß, ob jemand lügt oder etwa entspannt ist. Bei Verhandlungen mach ich mir oft einen Spaß daraus“. Durchschaut, ohne sehen zu können also.

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Der „Blind Climber“ geht inzwischen an die 100 Bergtouren im Jahr und hat 6 der höchsten Gipfel der 7 Kontinente erklommen, fehlt nur noch der Mount Everest – und die Weißsteinalm auf 1740 Meter. Wie ein Blinder Gletscherspalten überwindet, ist für Sehende schwer vorstellbar, was unser Problem ist, nicht seines. Andys Schritte sind weder langsam noch unsicher, nur ab und zu streift er mich leicht an der Seite, um auszumachen, wo die Grenze ist. Mein Körper ist sein Weg.

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„Wenn Du noch nie gesehen hast, wie kannst Du dann wissen, dass die Farbe rot rot ist“, frag ich plump und wissend, dass Andy das bestimmt schon tausendfach gehört haben muss. „Stell Dir eine Wiese vor, die ist knallorange, einen Apfelbaum mit silbernem Stamm, goldenen Ästen und violetten Äpfeln. Dann hast Du eine Vorstellung im Kopf, obwohl Du das so nie gesehen hast. Man sieht nicht nur mit dem Sehnerv. Das ist wie mit einem Kofferradio über den wir unterschiedliche Frequenzen wahrnehmen.“ Es geht also darum, was wir wahrnehmen und was nicht. Mikrowellen zum Beispiel oder Gas. Beides existent und doch für unser Auge nicht sichtbar.

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Mit unseren 5 Sinnen – riechen, schmecken, hören, tasten und sehen – sind wir mit der Welt verbunden. „Bei jedem Menschen entwickeln sich im Unterleib Farbspektren, sie müssen nur getriggert werden“, sagt Holzer. „Meine Antenne ist nicht angeschlossen, trotzdem habe ich bunte Bilder im Kopf, nur der Echtzeitmoment fehlt mir. Wenn jemand die Tür zumacht und mir keiner was sagt, renn ich dagegen.“

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Andy HOLZER sieht nicht, er nimmt wahr. Er spürt, dass rot wärmer ist als blau durch die verstärkte Empfindung seiner restlichen Kanäle und Erklärungen zu Farben anderer Menschen von klein auf. Er ist der lebende Beweis dafür, dass da so viel mehr ist, als das teils trügerische Weltbild, wie wir es vor Augen haben. Wieviel mehr da sein muss, das wir nicht erfassen, nicht sehen können, obwohl es IST?

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Mit 3 Jahren bretterte HOLZER mit Ski an den Füßen die Pisten hinab, mit 5 fuhr er Fahrrad, ohne Hilfe versteht sich. Seine Eltern weigerten sich, ihn in eine spezielle Einrichtung für blinde Kinder zu stecken. Heute hält der Tourengeher weltweit Motivationsseminare & Coachings, ist Hoffnungsträger für viele.

Nach kurzer Rast auf der Weißsteinalm mitten in den Lienzer Dolomiten lässt Andy einen Satz fallen, der nachwirkt. „Ich muss meine Führer führen, damit sie mich führen…“

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…was mich zur Frage führt, was er sich wünscht für’s Leben. „Dass der Lausbua in mir bleibt bis ich 90 bin. Die Menschen müssen wieder mehr kommunizieren, mit der Natur im hier und jetzt leben, den Sonnenuntergang mit den eigenen Sinnen wahrnehmen, anstatt durch die Kamera des Smartphones.“ Die sozialen Medien sind für den Abenteurer generell eine „Second Hand World“ mit der er zwar nicht viel anfangen kann, sie aber auch nicht verteufelt, was die eigene Facebook Fanseite unter Beweis stellt.

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Wir machen uns auf den Rückweg und scherzen darüber, wie schnell „die Gitsch“ heruntermarschiert, „wie eine Gams so flott und gut beinand mit den Füßen“. Ich muss lachen und freu mich über das Kompliment, ausgerechnet ich Tollpatsch, der normalerweise überall drüber fliegt, führt den Andy HOLZER sicher vom Berg Richtung Dolomitenhütte.

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Mir bleibt so viel von diesem Tag und dieser Erfahrung mit dem blinden Kletterer, von dem wir uns – sprichwörtlich – so viel abschauen können. Wir, die wir sehen und doch nichts sehen und oftmals nur als wahr akzeptieren, was messbar und sichtbar ist, verbunden mit einer Intoleranz gegenüber allem, was darüber hinaus geht. Das zumindest ist meine Erkenntnis. Sehenden die Augen öffnen, das kann der Ausnahmesportler wirklich. Danke für die Einblicke!

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! FESCH INSIDER!

Wir verlosen ein Exemplar von Andy Holzers Buch „Balanceakt“ – Blind auf die Gipfel der Welt! Was dafür zu tun ist:

1.) Andy HOLZER Facebook Seite liken
2.) Beantwortet folgende Frage richtig und schreibt Eure Antwort unter diesen Blog als Kommentar dazu. Welchen 8000er plant Andy als nächstes zu besteigen? a) K2 b) Lhotse c) Mount Everest

Der Gewinner wird am 22.2. hier bekanntgegeben!

 

 

 

 

6 comments

  • Sehr rührend und uns wird dadurch wieder bestätigt was man alles erreichen kann , selbst mit körperlichen Einschränkungen. Großartig .

    Auch wieder so schön Fotos von euch 👍
    LG

  • Ich bin sehr sehr begeistert……nicht nur vom tollen, hochinteressanten Bericht samt den Hintergrundinformationen, sondern auch von den wunderschönen Bildern dazu!!!!!!!! u n d das Foto mit der Wurst und dem Brot, wau, da krieg ich Hunger auf ne Bergjause :))…………
    Zurück zum blinden Andy: ganz ehrlich gesagt, ich kann mir trotz des Hintergrundberichtes nicht vorstellen, wie ein blinder Mensch so ein gefährliches Hobby/so einen gefährlichen Beruf ausüben kann! ? Ich bewundere dafür den Andy! Sein Buch, das sicherlich voll mit interessanten Anekdoten und spannenden Erlebnissen sein wird, wird ihm – so nehme ich an – „aus der Hand gerissen“werden….

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